Drucken

Abstracts Heft 2/2018

Abstracts Heft 2/2018

Redaktionelles Vorwort

 

Rodolfo Rodriguez: Vom perzeptiv-halluzinatorischen zum triangulierten Spiel mit Vorstellungen in der Arbeit mit früh traumatisierten Kindern

Zusammenfassung

Was der Autor aufzuzeigen versucht, ist, welch zentrale Rolle das Spiel der beiden Antagonisten in der Kinderpsychoanalyse bei der Entwicklung eines analytischen Prozesses bei den Kindern einnimmt. Bei kleinen Patienten, die in den Anfängen archaische Traumata erlitten haben, ist die Einführung eines halluzinatorischen Wahrnehmungsspiels, bei dem die Interpretation durch die gespielte Replik des Psychoanalytikers erfolgt, oft ein unerlässlicher Schritt. Erst später kann ein mehr vorstellungsmäßiges Spiel installiert werden. Um seine Ausführungen zu verdeutlichen,  stützt sich der Autor auf zwei eigene klinische Fälle von Kinderpsychoanalyse, wobei er in der Nachträglichkeit eine theoretische Perspektive einbringt.

Summary
What the author tries to demonstrate in child psychoanalysis is how central the role of the play of the two antagonists is in favoring the development of an analytic process in children. With small patients having suffered archaic traumas in their infancy, the introduction, at first, of a hallucinatory perceptive play, in which the interpretation is done through the played replica of the psychoanalyst, is a passage often obliged. It is only in a second time, that a more representational game can be installed. Updating his remarks, the author relies on two of his clinical cases of child psychoanalysis by bringing in a theoretical perspective in afterwardness.

 

Lucia Pinschewer-Häfliger: Diskussion zu R. Rodriguez: Die Kinderanalyse und der Grundsatz der Abstinenz

Zusammenfassung

Meine langjährige Erfahrung als Kinderanalytikerin lehrt, dass Fallvorstellungen von früh und schwer traumatisierten Kindern und Jugendlichen oft kontroverse Diskussionen zur Abstinenz des Analytikers auslösen, ohne eine weiterführende Vertiefung des Themas entfalten zu können. Die faszinierende Publikation von Rodolfo Rodriguez zur Analyse mit Bob, in welcher die Entwicklung des Spiels bei einem früh traumatisierten Kind im Zentrum steht, eignet sich für eine klärende Auseinandersetzung mit dem Thema der Abstinenz in der Kinderanalyse. Diese Gelegenheit soll nicht ungenutzt bleiben. Mein Kommentar zu den Vorgängen in der ersten Analysesitzung zwischen Analytiker und Bob und dem drei Monate dauernden repetitiven Spiel ergeben die Grundlage für die kritischen Einwände zur Handhabung der Abstinenz des Analytikers. Als Kompass für die anschliessende Diskussion werden drei Aspekte des Freud’schen Grundsatzes zur Abstinenz des Analytikers in Erinnerung gerufen. Für die Behandlung eines Kindes ist es notwendig, die besonderen Charaktere und Inhalte jedes Spielangebotes gleichschwebend zu besetzen und zu analysieren. So werden die Charaktere von Bobs drei Spielanweisungen und deren Handhabung durch seinen Analytiker möglichst konkret und dem Text von Rodolfo Rodriguez folgend, aber aus meinem eigenen Verständnis heraus dargelegt und dann mit den drei Aspekten des Freud’schen Grundsatzes zur Abstinenz verglichen. Dieses Vorgehen erlaubt Schritt für Schritt – aber immer erst im Nachhinein – die angestrebte Beurteilung der Abstinenz des Analytikers.

Summary

My many years of experience as a child analyst teach that case presentations of early and severely traumatized children and adolescents often trigger controversial discussions about the abstinence of the analyst without being able to develop a deeper understanding of the subject. The fascinating publication by Rodolfo Rodriguez on the analysis with Bob, in which the development of the play in an early traumatized child is in the center, is suitable for a clarifying discussion of the topic of abstinence in child analysis. This opportunity should not be wasted. My commentary on the processes in the first session between analyst and Bob and the three-month repetitive play provide the basis for the critical objections to dealing with the analyst’s abstinence. As a compass for the ensuing discussion, three aspects of Freud’s principle of abstinence of the analyst are recalled. For the treatment of a child, it is necessary to invest and analyze the special characters and contents of each play in a free floating manner. Thus, the characters of Bob’s three play instructions and their handling by his analyst are presented as concrete as possible and following the text of Rodolfo Rodriguez, but out of my own understanding and then compared with the three aspects of Freud’s principle of abstinence. This procedure allows step by step, but always only afterwards, the desired assessment of the abstinence of the analyst.

 

Dieter Bürgin: Diskussion zu R. Rodriguez: Der Fall Bob

Zusammenfassung

Jegliches psychoanalytische Verständnis wird durch implizite und explizite Grundannahmen geleitet. Dies gilt auch für psychoanalytisches »Hören« von klinischem »Material«. Einige der Grundannahmen des Autors werden dargestellt und am »Fall Bob« detaillierter ausgeführt. Die so entstehende respektvollkritische Distanz zur Falldarstellung von Rodolfo Rodriguez soll die Basis für eine kontrovers-stimulierende Auseinandersetzung liefern.

Summary

Every psychoanalytic understanding of clinical material is guided by implicit or explicit basic assumptions. This is true also for psychoanalytic listening. Some of the basic assumptions of the author are presented and in detail applied for his understanding of the ›case Bob‹. By this procedure emerges a critical but respectful distance to the presentation of Rodolfo Rodriguez which should offer a basis for a controversial but stimulating discussion.

 

Marlies Garbsch: Abstinenz. Zu den Ursprüngen eines behandlungstechnischen Konzepts

Zusammenfassung

Dieser Text beschäftigt sich mit den Ursprüngen des behandlungstechnischen Konzepts der Abstinenz. Anhand der Autoren Freud und Ferenczi wird der Frage nachgegangen, wie die Abstinenz beschaffen sein sollte, um für den analytischen Prozess hilfreich zu sein. Abschließend werden wesentlichen Aspekte zusammengefasst und durch eine Fallvignette veranschaulicht.

Summary

This paper deals with the origins of the concept of abstinence. Based on Freud and Ferenczi, I explore the question of how abstinence should be in order to be helpful to the analytic process. Finally, key aspects are summarized and illustrated by a case vignette.

 

Brigitte Jakubowics: Was hat ein Telefonapparat mit der persönlichen Frage zu tun? Psychoanalytische Überlegungen zur Abstinenzregel in der Psychotherapie mit Kindern und Jugendlichen

Zusammenfassung

Der Artikel basiert auf einem Vortrag im Rahmen der 2. Tagung der Kinder- und Jugendlichenpsychotherapie des ÖAGG im Oktober 2017 in Wien. Die Tagung beschäftigte sich mit der besonderen Herausforderung der persönlichen Frage in der psychotherapeutischen Behandlung von Kindern und Jugendlichen. Kinder und Jugendliche stellen in den Psychotherapien direkte, unverblümte und sehr persönliche Fragen. Der Therapeut ist nicht nur Psychotherapeut, sondern auch ein Erwachsener, von dem man eine Antwort erwarten kann. Diese Fragen sind Schlüsselstellen in der Behandlung, welche die weitere Beziehung gestalten.
Im Rahmen dieser Tagung wurden die theoretischen Konzepte unterschiedlicher psychotherapeutischer Schulen und der persönliche Umgang mit dieser besonderen Herausforderung »einer persönlichen Frage« diskutiert. Diese Arbeit widmet sich den psychoanalytischen Konzepten der Abstinenz. Die psychoanalytische Haltung bei Sigmund Freud und Roy Schafer wird zusammen mit neueren Arbeiten von Psychoanalytikern auf ihre Aktualität und Anwendung bei Kindern und Jugendlichen untersucht. Anhand von drei Fallbeispielen, die zu Beginn der Tagung vorgestellt wurden, beschreibt die Autorin, welche Überlegungen sie bei persönlichen Fragen von Kindern und Jugendlichen in der psychoanalytischen Behandlung anstellt und wie sie mit diesen Herausforderungen umzugehen versucht.

Summary

The article is based on a lecture held at the 2nd Meeting of Child and Adolescent Psychotherapy of the ÖAGG in October 2017 in Vienna. This conference dealt with the particular challenge of the personal question in the psychotherapeutic treatment of children and adolescents. Children and adolescents pose direct, blunt and very personal questions in psychotherapy. The therapist is not just a psychotherapist, but also an adult from whom one can expect an answer. These questions and answers are key points in the treatment that shape the wider relationship.
In the context of this conference the theoretical concepts of different psychotherapeutic schools and the personal handling of this special challenge of »a personal question« were discussed. This work is dedicated to the psychoanalytic concepts of abstinence. The psychoanalytic attitude of Sigmund Freud and Roy Schafer, together with recent work by psychoanalysts, is discussed with regard to their relevance and application in children and adolescents. Based on three case studies presented at the beginning of the session, the author describes what she thinks about children’s and adolescent’s personal questions in psychoanalytic treatment and how she tries to deal with this challenge.

 

30. Sigmund-Freud-Vorlesung

Christa Rohde-Dachser: Über Todesgewissheit, Todesverleugnung und das Bedürfnis, zu glauben – Freuds Einstellung zum Tod und die Wiederkehr des Verdrängten

Zusammenfassung

Freud war ein Kind der Aufklärung und stand der Religion von daher ausgesprochen ablehnend gegenüber. Vorstellungen von Gott oder einem Fortleben nach dem Tode waren für ihn Ausdruck einer kindlichen Vatersehnsucht, von der der Mensch sich im Dienste der Vernunft zu emanzipieren habe. Folgt man Julia Kristeva (2014), dann handelt es sich bei diesem »unglaublichen Bedürfnis zu glauben« aber um eine anthropologische Konstante, die nicht wirklich stillgestellt werden kann und einer weiteren psychoanalytischen Durchdringung bedarf, die derzeit noch ganz am Anfang steht. Wenn dies zutrifft, müssen aber auch schon Freuds Vorstellungen vom Tod als Ende einen unbewussten Subtext enthalten, der dem widerspricht und durch eine tiefenhermeneutische Analyse zur Sprache gebracht werden kann. Die Autorin versucht dies zunächst unter
Bezugnahme auf Rizzuto (1998) durch eine Gegenüberstellung der Illustrationen der Philippson-Bibel, deren Aussagen von Freud längst verworfen worden war, und der Figurensammlung, die sein Sprechzimmer bevölkerte und eine ganz andere Botschaft verkündete. Mit der gleichen Zielsetzung unterzieht sie anschließend Freuds »Erinnerungsstörung auf der Akropolis« (Freud, 1936a) einer tiefenhermeneutischen Re-Lektüre. Schließlich versucht sie zu zeigen, dass auch Freuds Trieblehre nicht nur als eine Beschreibung der psychosexuellen Entwicklung des Menschen verstanden werden kann, sondern auch als eine spezifische Form männlicher Sinnsuche, in der der Tod unbewusst in einen Ort der Erfüllung verwandelt wird, nach dem der Mann ein Leben lang auf der Suche war.

Summary

Freud was a child of the Enlightenment and thus clearly opposed to religion. For him, the notions of God or life after death were an expression of a childlike longing for the father, from which man should emancipate himself as a service for reason. According to Julia Kristeva (2014), however, this »incredible need to believe« is a basic anthropological need, which until now has largely been ignored by psychoanalysis and therefore would require a more in-depth psychoanalytical analysis. But if this is true, then also Freud’s statements about the illusionary character of the religious promise of salvation must contain a latent subtext in which the belief in an ideal father and one’s own immortality continue to exist, and which could be brought up for discussion through a depthhermeneutic analysis.
The author attempts this by first emphasizing, with reference to Rizzuto (1998), the striking similarity between the collection of figures in Freud’s consulting room and the illustrations of the Philippson Bible, from whose religious content Freud had already clearly distanced himself during his adolescence. With the same objective, she then re-reads Freud’s »A Disturbance of Memory on the Acropolis« (Freud, 1936a) from a depth hermeneutic perspective. And finally, by referring to the methaphors used by Freud, she shows how his theory of drives, besides all its significance for the understanding of human psychosexual development, can also be understood as a specific form of the male quest for meaning, in the course of which death is gradually transformed from a deep-seated idea of horror into an image of returning home – a return to the place that the man had unconsciously been searching for his entire life.