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Abstracts Heft 3/2018

Abstracts Heft 3/2018

Redaktionelles Vorwort

Paul Parin: Witz und Lachen in der Technik der Psychoanalyse

Zusammenfassung

In diesem Beitrag wird die Funktion des Lachens und des Lächelns als Abwehr am Fallbeispiel einer Charakterneurose untersucht und werden Techniken der Widerstandsanalyse erörtert.

Summary

This paper examines the function of laughing and smiling as a defense based on a case of character neurosis and discusses techniques of resistance analysis.

August Ruhs: »Alle Träumer sind […] unausstehlich witzig« Das Lachen und seine Beziehung zur Psychoanalyse

Zusammenfassung

Nach wie vor nimmt Der Witz und seine Beziehung zum Unbewußten die Stelle eines Stiefkindes in der Freud-Rezeption ein. Und Wilhelm Fließ hatte seinerzeit Freud vorgeworfen, dass seine Traumdeutung zu viel Witzmaterial enthalte. Sind das Lachen und das Lachhafte keine Themen für eine um Seriosität bemühte Psychoanalyse? In Wirklichkeit hatte Freud schon früh den Witzcharakter des Unbewussten erkannt, sodass er sich sogar dazu veranlasst sah, sein gleichzeitig mit den Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie verfasstes Witzbuch als den eigentlichen Beitrag zur Ästhetik der Psychoanalyse zu bezeichnen. Damit schrieb er sich in eine Reihe von Philosophen und Literaten ein, die die Verschränkung von Witz, Komik und Humor mit Geist, Inspiration und intellektuellem Scharfblick immer schon betont hatten. Unter Einbeziehung des Lachens erweist sich die Psychoanalyse mit Nachdruck als Enthemmungs- und Sublimierungsprozess, bei dem die entfesselte Lust libidinöser und aggressiver Natur auf die entschärfende Kraft des Humors trifft.

Summary

The Joke and Its Relationship to the Unconscious still takes the place of a stepchild in the Freud reception. And Wilhelm Fliess had once accused Freud that his Interpretation of Dreams contained too much joke material. Is laughter and the risible not a topic for psychoanalysis seeking seriousness? In fact, Freud recognized early on the joke character of the unconscious, so that he even felt compelled to call his joke book, written at the same time as the Three Essays on Sexual Theory, the actual contribution to the aesthetics of psychoanalysis. With this he enrolled in a series of philosophers and writers who had always emphasized the entanglement of joke, comic, and humor with spirit, inspiration, and intellectual perspicacity. With the inclusion of laughter, psychoanalysis emphatically proves to be a process of disinhibition and sublimation, in which the unleashed desire of libidinal and aggressive nature meets the disarming power of humor.

Theodor Reik: Lachen, dessen man sich schämt

Zusammenfassung

Anhand des Phänomens, dass es Situationen gibt, in denen man wider Willen zum Lachen verführt wird und sich danach dessen schämt, arbeitet der Autor mithilfe von Freuds Witztheorie Verleugnungstendenzen heraus, die verschleiern sollen, worüber wir uns amüsieren (ästhetische Rationalisierung), und zeichnet die psychische Dynamik im Falle von misslungenen Witzen nach.

Summary
Based on the phenomenon that there are situations in which one becomes reluctant to laugh and then is ashamed of it, the author uses Freud’s joke theory to work out denial tendencies that seek to disguise what we enjoy in jokes (aesthetic rationalization) and explains the psychic dynamics in case of failed jokes.
 
Philippe Valon: Im Psychodrama erlauben sich die Psychoanalytiker zu lachen

Zusammenfassung

Im psychoanalytischen Milieu ist das Lachen weniger gern gesehen als der Humor, vor allem nicht das Lachen des Analytikers: als Verführung und Agieren widerspreche es der Neutralität und dem, was man heute die Verweigerungshaltung des Analytikers nennt. Vor allem im analytischen Psychodrama kommt es aber häufig vor, oft auch und gerade bei den dort anwesenden Analytikern. Hier geht es darum, den Zuständigkeitsbereich des Lachens, seine Vorteile, aber auch die Gefahren zu verstehen.

Summary

In the psychoanalytic milieu, laughter is less favored than humor, and above all not the laughter of the analyst: as seduction and action, it contradicts neutrality and what is today called the analyst’s position of refusal. But especially in analytic psychodrama it often happens, often and especially among the analysts present there. This paper is about understanding the area of responsibility of laughter, its benefits as well as its dangers.

 
César Botella: Kann der Witz ein analytischer Weg sein? Diskussion des Vortrags von Isabel Usobiaga

Zusammenfassung

Da sich die klassische Methode in den Behandlungen von sogenannten Borderline-Fällen als unwirksam oder verhängnisvoll erweist, stellt sich die notwendige Frage nach den Grundlagen einer adäquaten Methode. Dem Autor geht es um die metapsychologische Untersuchung des Witzes, der in der Behandlungsstunde von Patient und Analytiker simultan »konstruiert« wird. Wäre er, unter anderen, ein möglicher Weg, den es zu entdecken gäbe?

Summary

The fact that the classical method has proved ineffective, even detrimental, in treating so-called borderline patients raises the problem of the need to investigate the possible foundations of an appropriate method. There is a metapsychological exploration of the joke made in the session, »constructed« by the patient and the analyst simultaneously. Is this a possible pathway among others that might be discovered?
 
Phyllis Greenacre: Über Entstehung und Funktion des Weinens

Zusammenfassung

Die Autorin untersucht sowohl die verschiedenen Formen des Weinens als auch seine innerpsychischen Funktionen, insbesondere mit Bezug zum Schicksal der aggressiven Triebregungen. Darüber hinaus stellt sie Überlegungen zur Sekretion des Auges an, die biologische und physiologische Gegebenheiten miteinbeziehen und die Rolle des Auges bzw. des Gesichtssinnes bei der Wahrnehmung des Objektverlustes schärfer fassen. Anhand von zwei Fallvignetten werden diese Überlegungen klinisch illustriert.

Summary

The author examines both the various forms of crying as well as its intrapsychic functions, especially with reference to the fate of aggressive instinctual drives. Furthermore she reflects the secretion of the eye based on biological and physiological conditions to sharpen the role of the eye in the perception of the loss of the object. Based on two case vignettes, these considerations are illustrated clinically.

Imre Hermann: Urwahrnehmungen, insbesondere Augenleuchten und Lautwerden des Inneren

Zusammenfassung

Der Autor geht Wahrnehmungen nach, denen das Kleinkind ausgesetzt ist, derer der Erwachsene aus äußeren oder inneren Gründen jedoch nur schwer habhaft wird. Weiter führt er aus, inwiefern diese Wahrnehmungen sich in verschiedenen klinischen und mythologischen Phänomenen widerspiegeln.

Summary

The author investigates perceptions that the toddler is exposed to, but which the adult finds difficult to access for external or internal reasons. Furthermore he explains how these perceptions are reflected in various clinical and mythological phenomena.
 
Daru Huppert: Am Schlaf der Welt rühren – Freud und die Hüter des Schlafs

Zusammenfassung

Der Schlaf ist in der Psychoanalyse bisher vernachlässigt worden, obwohl er einen unverzichtbaren Teil unseres Lebens darstellt und in allen psychischen Erkrankungen gestört erscheint. Es wird somit notwendig, eine metapsychologische Beschreibung des Schlafs zu versuchen. Im Einschlafen findet eine Regression der psychischen Vorgänge hin zum Nirwanaprinzip statt. Der Schlaf ist das Normalvorbild für das Nirwanaprinzip, so wie der Traum für das Lustprinzip und das Wachen für das Realitätsprinzip. Allerdings sind diese Zustände nie rein gegeben, sie zeigen viele Übergänge und Mischungen, die für das Verständnis der Psychopathologie und der psychoanalytischen Situation äußerst bedeutsam sind. Dem Schlaf selbst kommt die Aufgabe zu, den Reizschutz wiederherzustellen, frei bewegliche Besetzungen zu binden und, was wohl am wichtigsten ist, die Triebmischung zu vollziehen.

Summary

Sleep has been neglected in psychoanalysis, despite being an indispensable part of our lives, which we find disturbed in all forms of psychical illness. It therefore seems necessary to attempt a metapsychological outline of sleeping. In the process of falling asleep we can observe a regression of psychic functioning towards the nirvana principle. Sleep is the normal paradigm of the nirvana principle, just as the dreams are of the pleasure principle and waking is of the reality principle. Yet these states are never given in a pure form, there are many transitions and mixtures between them, which are highly significant for the understanding of psychopathological phenomena and of the psychoanalytic situation. Sleep itself is concerned with the task of repairing the protective shield, of binding excessive tensions and, most importantly, of restoring drive fusions.

Die Haut auf der Milch
Lutz Goetzmann: James Joyce war (nie) in Baden-Baden – ber das Gleichgewicht von Syphilis, Sinthom und Symbol

Zusammenfassung

Georg Groddeck (1866–1934) gilt als Begründer der modernen Psychosomatik. Er leitete über 30 Jahre die psychosomatische Klinik »Villa Marienhöhe« in Baden-Baden, in der sich häufig auch körperlich kranke Patientinnen und Patienten aus ganz Europa behandeln ließen. In dem Artikel wird fiktiv angenommen, dass sich der irische Schriftsteller James Joyce (1882–1941) wegen seines wahrscheinlich luetisch bedingten Augenleidens Anfang der 1930er-Jahre hätte in Baden-Baden behandeln lassen. Joyces Augenentzündung wird vor dem Hintergrund des Groddeck’schen Symbolbegriffs betrachtet, welcher – im Gegensatz zu Freuds Auffassung über das Symbol – auf der Identität von Symbolisiertem und Symbol beruht. Der Groddeck’sche Symbolbegriff sowie seine Vorstellungen über das Es werden eingebettet in eine Theorie über die »Achse der psychosomatischen Totalität«, welche sich in Freuds Unterscheidung psychoneurotischer und aktualneurotischer Körpersymptome begründet. Die praktische Bedeutung der Groddeck’schen Formel, dass Übertragung und Widerstand die Angriffspunkte einer psychoanalytisch orientierten Behandlung sowohl psychosomatisch wie körperlich Kranker sein sollten, wird für die heutige psychoanalytische Psychosomatik diskutiert. Abschließend werden diese Überlegungen in Verbindung mit Jacques Lacans Seminar über Joyce gebracht, insbesondere im Hinblick auf die Frage, inwieweit ein Symbol, sei es ein Kunstwerk oder ein Körpersymptom, die Funktion eines Sinthoms innehaben kann, das petrifiziert, weiß oder atmend ist, d. h. unter welchen Bedingungen Groddecks Symbole sinthomaler Natur sein können.

Summary

Georg Groddeck (1866–1934) is considered as the founder of modern psychosomatic medicine. The psychosomatic clinic »Villa Marienhöhe« in Baden-Baden, where many physically ill patients from all over Europe were treated, was led by Groddeck in the 1930s. In the article we assume in a fictive manner, that the Irish writer James Joyce (1882–1941) was also treated in Baden-Baden in the early thirties due to his luetic eye-condition. Joyce’s eye-infection is examined using the term »symbol« as Groddeck defined it. This in contrast to Freud’s definition, finds its basis in the identity of symbol and symbolized. Groddeck’s definition of the symbol is embedded in a theory about the »axis of the psychosomatic totality«, which founds itself in Freud’s differentiation of the psychoneurotic and actual-neurotic body-symptoms, as are his ideas about the It. The practical meaning of Groddeck’s formula, saying that transference and resistance should be the attack points of a psychosomatic treatment of psychosomatic or physical conditions, is being discussed considering contemporary psychoanalytic psychosomatics. Finally, we shall interconnect these thoughts with Lacan’s seminar about Joyce, especially considering the question, if the symptom, no matter if it is a piece of art or body-symptom, is possible to hold the function of a sinthome, which is petrified, white or breathing, i. e. under which circumstances Groddeck’s symbol could be of sinthomatical nature.