Ausgewählte Bibliographien
und andere Nachschlagewerke

Digitale Medien

Verantwortlich: Achim Oßwald


Aus Heft 5 (1998) der Zeitschrift für Bibliothekswesen und Bibliographie. Siehe auch die anderen Rezensionen der Rubrik.


Ullmann’s Encyclopedia of Industrial Chemistry auf CD-ROM (Rezensent: Ulrich Kämper)

 

Wer Zusammenhänge erkennen will, braucht über Lexika und Lehrbücher hinaus Enzyklopädien, deren Nachteil jedoch immer die Schwerfälligkeit war. Dies charakterisierte auch den Ullmann, das Standardwerk der technischen Chemie, an dessen 5. Ausgabe von 1985 bis 1996 gearbeitet wurde, bis endlich alle 37 Bände vollendet waren. Es liegt nahe, daß die ersten Bände längst veraltet waren, als der letzte Band erschien. Erst die elektronischen Medien machen es möglich, ein so umfangreiches Werk ohne die produktionstechnischen Einschränkungen des Druckverfahrens jährlich komplett zu aktualisieren und damit noch wertvoller zu machen. Diese gewaltige Informationsmenge liegt nun auf einer einzigen CD-ROM vor.

Die CD-ROM enthält lt. Prospekt fast 1.000 Artikel von 2.800 Autoren mit insgesamt 16 Mio. Wörtern, 10.000 Tabellen und 20.000 Abbildungen. Durch die Hypertext-Aufbereitung, gute Retrievalmöglichkeiten, verschiedene Indexe und das deutsch-englische Wörterbuch entfällt gegenüber der Printversion die lästige Orientierungsarbeit mittels zahlreicher Indexbände, Sachgebietsgliederungen und Kapitelinhaltsverzeichnisse, die aber bei Bedarf für systematisches Arbeiten auch auf der CD-ROM zur Verfügung stehen. In einer monographieartig aufgebauten Enzyklopädie kann man nicht erwarten, zu jedem Stichwort einen Eintrag zu finden; umso wichtiger ist der zuverlässige Index, der wahlweise den Volltext, die Keywords oder die Kapitelüberschriften durchsucht. Bei guter PC-Ausstattung führen auch komplexe Suchen in Sekundenbruchteilen zum Ergebnis.

Suchfunktionen

Im Gegensatz zu seinen Vorläufern ist der Ullmann in seiner 5. Ausgabe in Englisch verfaßt. Ein eingebautes deutsch-englisches Wörterbuch bietet Übersetzungen zu einigen wenigen der 80.000 englischen Keywords. In einer schmalen Navigationsleiste stehen diese alphabetisch untereinander. Ein Eingabefenster verursacht nach den ersten Buchstaben ohne Enter-Taste einen Sprung zur entsprechenden Stelle im Index – ein wirklich elegantes EXPAND-Verfahren, das für bis zu 13 verschiedene Felder anwendbar ist. Die Markierung des gewünschten Begriffs liefert dann im Hauptfenster die Übersetzung in den englischen Begriff mit Hyperlink zur entsprechenden Stelle im Volltext. Natürlich sind so keine selektiven Recherchen möglich. Dafür gibt es die Suchmaske, die über Icon oder Menü jederzeit zugänglich ist. Wahlweise können in der erwähnten Leiste auch alle Begriffe aus dem Volltext oder 10 weiteren Indices (Autoren, Referenzen, Tables, etc.) aufgerufen und nach dem gleichen Verfahren im Langtext angesprungen werden.

Verknüpfungen sind über die Suchmaske möglich. Die Operatoren AND, OR, NOT können für bis zu 5 Suchbegriffe unterschiedlich geschaltet werden, jedoch stimmt die Suchlogik nicht mehr, wenn verschiedene Operatoren in einer Frage gemischt werden. Die Retrieval-Komponente der Ullmann-CD hat keinen Expertenmodus, obwohl dieser für Bool’sche Klammern erforderlich wäre. Man kann sich helfen, indem man zuerst alle Synyonyme mit OR verknüpft und dann in einem 2. Schritt die AND-Verknüpfung einführt. Sehr zu loben ist der Blick in den Index des Suchbegriffs oder seines Wortstamms. Dies geschieht durch einfaches Öffnen eines Fensters neben dem Eingabefeld. Zusätzlich läßt sich für jeden Suchbegriff unabhängig eine Feldqualifizierung durch Auswahl unter 10 Möglichkeiten in einem Fenster einführen. Ein besonderes Highlight ist der stufenlose Kontext-Operator, der alternativ zu den drei Bool’schen Operatoren geschaltet werden kann. Selbst bei 200 Wörtern Abstand streikte die Software nicht. Sinnvoll ist der Einsatz dieser Funktion bei Abständen von 1 bis 25 Wörtern, je nach dem, ob damit eine Phrasensuche oder die Suche im ganzen Satz bzw. Absatz bewirkt werden soll. Kombiniert mit dem Blick in den Index und die Feldqualifizierung lassen sich damit fast alle Stellen sicher finden. Noch höhere Selektivität kann durch Einschränkung der Suche auf Kapitel oder Sachgebiete und die Berücksichtigung von Groß-/Kleinschreibung erzielt werden.

Ergebnisanzeige

Im Erfolgsfall wird die Suchmaske mit der Trefferzahl vom RESULT-Bildschrim überblendet, bevor man gelesen hat, wieviele Ergebnisse die Suche gebracht hat. Bei genauem Hinsehen erscheinen Frage und Ergebnis dann doch am oberen Rand. Sehr schön sind die angebotenen Funktionen der Ergebnisverwaltung: “Context, Show, Go To, On Spike”.

Hier wie an vielen anderen Stellen wird situationsbezogenene Hilfe angeboten. Mit CONTEXT kann man sich vorab über das Kapitel und den Zusammenhang informieren und mit SHOW oder GO TO dann das Ergebnis anzeigen lassen.

Bei Fehlanzeige der Recherche erscheint etwas versteckt, aber schnell “0 Treffer”. Hier wäre ein akustischer Hinweis und/oder eine größere Schrift mit Blinkfunktion hilfreich.

Lästig ist auch die Gestaltung der Anzeige, wenn es nur einen Treffer gibt. Man wird nach dem Lesen desselben aufgefordert, zum nächsten Dokument zu springen obwohl es kein weiteres mehr gibt. Hier gehört ein Hinweis “letztes Dokument” erscheinen.

Die klassische Schrift des gedruckten Ullman aus der Times-Familie wirkt auch auf guten Bildschirmen wegen der Seriphen etwas unscharf, sieht aber auf dem Ausdruck umso eleganter aus. Konsequent wird mit nur dieser einen Schrifttype in verschiedenen Größen und Farben gegliedert und verwiesen. Suchbegriffe werden im Text mit einem schmalen roten Rahmen hervorgehoben. Der Leser kann am Bildschirm zoomen und aus der Darstellung mit Navigationsrahmen in die Ganzseitendarstellung umschalten.

Trifft man im Text auf einen Abbildungshinweis (grüne Schrift in Klammern), so ist diese Abbildung durch Anklicken direkt aufrufbar. Zitat-Nummern stehen, ebenfalls grün markiert, in eckigen Klammern. Durch Drücken der linken Maustaste werden sie in einem kleinen Rahmen in den Text eingeblendet und verschwinden beim Loslassen der Maustaste. Die komplette Referenzliste findet sich an der gewohnten Stelle und ist zusätzlich durch einen Hyperlink vom Kopf des Artikels ansteuerbar. Dort haben auch die Autoren einen Link. Weitere Links führen zu anderen Kapiteln, die den Leser wie im Internet in völlig andere Bereiche führen. Allerdings haben die Navigationseigenschaften dieser CD nicht die Qualität der heutigen Internet-Browser.

Die Navigation, vor allem zu vorhergehenden Schritten, ist weniger gut gelungen und ohne Handbuch kaum zu verstehen. Die Schaltflächen sind auch bei hoher Bildschirmauflösung außergewöhnlich groß, aber horizontal gestaucht. Dadurch sind vor allem die Navigationspfeile nicht leicht zu treffen. Die Schaltflächensymbole sind mehrdeutig, z.B. ein Fernglas sowohl für “Search Dialog” als auch für “Result Window”. Die Zahl der per Pulldown-Menü erreichbaren Funktionen ist um ein Vielfaches größer und leichter zu verstehen als die Symbole, was ja eher umgekehrt sein sollte. Hier seien dem Designer Standards wie MS-Powerpoint oder Lotus für die nächste Revision ans Herz gelegt. Auch die Auswahl der englischen Begriffe in den Pulldown-Menüs könnte terminologisch einfacher und treffender sein. Mit Anweisungen wie “Put Article On Spike” können die meisten Rechercheure und erst recht Laien nichts anfangen.

Technische Performanz

Nach Herstellerangaben kann die CD mit recht geringem Hardware-Einsatz ab Rechner-Generation 386 betrieben werden. In der Praxis wird aber die Geduld selbst bei einem 133 MHz-Pentium mit 4-fach CD auf die Probe gestellt. Verzögerungsloses Arbeiten war bei 200 MHz , 12-fach-CD-Laufwerk und 32 MB Arbeitsspeicher möglich.

Resumé

Die Leistung, diese gewaltige Werk in so übersichtlicher Weise und mit sofort erkennbaren Vorteilen gegenüber der Arbeit mit der gedruckten Version auf einer einzigen CD-ROM unterzubringen, kann nicht genug gewürdigt werden. Der regelmäßige Benutzer wird nach kurzer Eingewöhnungszeit große Freude an dieser neuen Dimension des schnellen Nachschlagens und Erkennens von Zusammenhängen haben. Die angebotene Möglichkeit der Netzwerkinstallation macht dies Ullmann-CDbesonders für große Unternehmen und Institute interessant, wo man bisher Zeit, Entfernungen und Wetterunbilden für den Weg in die Bibliothek zu einem kurzen Nachschlagen auf sich nehmen mußte. Für den gelegentlichen Nutzer werden sich die Möglichkeiten in vollem Umfang erst erschließen, wenn die Oberfläche den heute gängigen Standards angepaßt wird. Man mag ja den Software-Monopolisten aus Seattle nicht mögen und den Wunsch haben, sich abzuheben, aber die Ergonomie eines solch teuren Produktes sollte dennoch zumindest das heute Erreichte widerspiegeln. Der eilige Nutzer in der Unibibliothek wird auf den ersten Blick sicher nicht alle Möglichkeiten erkennen; da das bei einem 37-bändigen gedruckten Werk sicher auch nicht der Fall ist, kann man diese Enzyklopädie auf CD-ROM getrost jedem empfehlen, ob er sich nun über Alkohole, Asbest, Umweltschutz, Zeolithe oder die Details der wichtigsten industriellen Verfahren schlau machen will. Auch Nicht-Chemiker finden hier verständlich geschriebene Artikel, in denen es sich auf der CD wesentlich leichter zurechtfinden läßt. In der Übersichtlichkeit der Darstellung ist allerdings die Printversion unschlagbar.