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Zeitschrift für philosophische ForschungHerausgegeben von Otfried Höffe (Tübingen) Band 58 (2004): In vier Einzelheften, VI,
614 Seiten.
Aus dem Inhalt von Heft 2
Abhandlungen Christian Beyer, Erfurt: Moralische Personalität, Willensfreiheit und Verantwortung Wie vermag ich eigentlich die Annahme zu rechtfertigen, daß der Andere eine Person ist, die zumindest für einige ihrer Handlungen moralisch verantwortlich ist? Die theoretische Option, die ich ergreife, um diese Frage zu beantworten, lautet: Simulationstheorie des Personenverstehens plus Metavolitionstheorie der moralischen Personalität. Ich skizziere zunächst Frankfurts metavolitionale Personenkonzeption. Sodann kritisiere ich seine Theorie der Verantwortung und unterbreite einen Alternativvorschlag. Anschließend wird das Verhältnis zwischen Metavolitionen und evaluativen Metaeinstellungen beleuchtet. In diesem Zusammenhang diskutiere ich Watsons Kritik an Frankfurt, die auf die Unterscheidung zwischen Bewertungs- und Motivationssystem zurückgreift. Ich weise Watsons Kritik zurück und argumentiere, daß diese Unterscheidung in metarepräsentationaler Begrifflichkeit zu interpretieren ist. Daraufhin wird der systematische Ort der Bewertungen erster Stufe bestimmt. Abschließend untersuche ich das Verhältnis zwischen Rationalität, Moralität und Personenverstehen aus Sicht der Metavolitions- und Simulationstheorie. Im Mittelpunkt stehen dabei die Ideen der kritischen Selbstbewertung, der partikularen Lebensweise und der gemeinsamen Lebensform. Als dialektische Reibungsfläche dient eine Wittgensteinsche Sicht auf moralische Bewertungen.
Adolf Rami, Dresden: Die Probleme der Minimalistischen Konzeption der Wahrheit
Die minimalistische Konzeption der Wahrheit wurde von Paul Horwich als eine Variante des Wahrheitsdeflationismus in die Diskussion eingeführt. Diese Konzeption gilt gegenwärtig als eine, wenn nicht die plausibelste Darlegung des deflationistischen Standpunkts. Dennoch wurde diese Konzeption in den letzten Jahren mit einer ganzen Reihe von Einwänden konfrontiert, um deren Ausräumung sich Paul Horwich ausführlich bemüht hat. Im ersten Teil dieser Arbeit werde ich Horwichs minimalistische Konzeption der Wahrheit im Vergleich zu Alstons minimalistischer Konzeption der Wahrheit darlegen und ihre Vorzüge gegenüber Alstons Konzeption herausarbeiten. Im zweiten Teil werde ich sechs unterschiedliche Probleme von Horwichs minimalistischer Konzeption der Wahrheit anführen und diskutieren. Auf dieser Grundlage wird sich zeigen, inwiefern sich der minimalistische Standpunkt verteidigen oder modifizieren läßt und wo die zentralen Schwächen dieses Standpunkts liegen.
Michael Hoffmann, Victoria/Canada: Axiomatisierung zwischen Platon und Aristoteles Gegenüber der in den letzten Jahrzehnten wiederholt vorgetragenen Kritik an der lange vorherrschenden Auffassung, dass erstmalig bei Aristoteles der Gedanke einer „Axiomatisierung“ wissenschaftlichen Wissens formuliert sei, ist es ein erstes Ziel des Artikels, die traditionelle Auffassung teilweise zu rehabilitieren, sie dabei aber weiter zu präzisieren. Ausgangspunkt dazu ist eine erst seit Hilbert üblich gewordene Unterscheidung zweier ganz verschiedener Auffassungen von Axiomatisierung: einer „logisch-analytischen“ und einer „modelltheoretischen“. Vor dem Hintergrund dieser Unterscheidung wird erstens gezeigt, dass man Aristoteles als den Begründer der „logisch-analytischen“ Auffassung ansehen kann. Zweitens wird dafür argumentiert, dass in der vermutlich pseudo-platonischen „Epinomis“ eine „modelltheoretische“ Sicht der Axiomatisierung angedeutet ist. Ausgehend davon wird schließlich gezeigt, wie diese modelltheoretische Auffassung von Axiomatisierung zur Grundlage für ein neues Verständnis der in der Politeia diskutierten „Idee des Guten“ gemacht werden kann.
Diskussionen Bernward Gesang, Düsseldorf: Kann der Utilitarismus strukturell rational sein und persönliche Projekte schützen? Ist die Theorie des „humanen Utilitarismus“ fähig, die Probleme struktureller Rationalität zu vermeiden, auf die J. Nida-Rümelin in seinen Arbeiten hingewiesen hat? Kann der humane Utilitarist zudem persönliche Projekte schützen, z.B. die Priorität familiärer Beziehungen, was Nida-Rümelin ebenfalls bezweifelt? Im Aufsatz findet eine Auseinandersetzung mit der Konsequentialismuskritik Nida-Rümelins und eine Verteidigung des humanen Utilitarismus statt. Dabei wird insbesondere dargelegt, dass Nida-Rümelins Konsequentialismuskritik alle unparteilichen Ethiken betrifft und dass nicht geklärt wird, was an die Stelle solcher Ethiken treten soll. Eine primär auf die Wahrung persönlicher Integrität gerichtete Ethik schafft gerade bezüglich der von Nida-Rümelin gegen den Konsequentialismus ins Feld geführten Kooperationsprobleme größere Schwierigkeiten als sie beseitigt. Eine positive Alternative bleibt Nida-Rümelin schuldig.
Julian Nida-Rümelin, Göttingen: Utilitarismus und strukturelle Rationalität
Richard Breun, Erfurt: ‚Beobachtung’ und ‚Erfahrung’ in Natur- und Moralwissenschaft – ein Vergleich Der Vergleich zwischen einem naturwissenschaftlichen und einem moralwissenschaftlichen Experiment ergibt folgende Resultate. Die moralische Sphäre ist eine Wirklichkeit sui generis. Die zu ihr korrelative Welt ist die Mitwelt. Deren Elemente sind Personen. Sie kommunizieren nicht bloß sprachlich, sondern auch leiblich miteinander und schaffen dadurch Atmosphären, speziell auch moralisch gesättigte. In der Mitwelt ist die Position ihrer Mitglieder austauschbar. Das macht Moralität aus. Statt analytischer Erklärungsketten ist für das Erkennen und Beurteilen moralischer Verhältnisse eine Synthesis von Wahrnehmung und Deutung erforderlich, die überdies die Möglichkeit einer moralischen Wertung eröffnet. Im Unterschied zum theoretischen muss das praktische Schließen (Taylor) an den Deutungen des Ausgangserlebens ansetzen. Differierende Deutungen müssen daraufhin geprüft werden, welche von ihnen die Anschauung der ,gestalteten Ganzheit‘ (Cassirer) einer wahrgenommenen Situation ohne falsche Abstraktionen und Reduktionen angemessen wiedergibt, d.h. umfassender und reifer ist. Kriterien dafür sind die Entwickeltheit und Stabilität des Standpunkts, die Differenziertheit und Selbstreflexivität der Beschreibung.
Berichte Ralph Schumacher, Berlin: Repräsentationalismuskritik und Immaterialismus. Ein Überblick über die Forschungsliteratur zu den Theorien George Berkeleys Während in der Forschungsliteratur zu Berkeleys Theorien bis in die 70er Jahre des vergangenen Jahrhunderts Gesamtdarstellungen dominierten, in denen es wie zum Beispiel in den Monographien von A. A. Luce, Ian Tipton und George Pitcher um die Kritik oder Verteidigung seines Immaterialismus und direkten Realismus geht, konzentriert sich die Diskussion seit den 80er Jahren auf die Untersuchung historischer Entwicklungslinien sowie auf einzelne konzeptuelle und argumentative Beiträge Berkeleys zur Erkenntnistheorie und Metaphysik. Im folgenden wird anhand von drei zentralen Fragestellungen ein repräsentativer Überblick über die Forschungsliteratur zu Berkeleys Philosophie gegeben: (1) Auf welche Weise kritisiert Berkeley den Repräsentationalismus, und wie verteidigt er seinen Immaterialismus? (2) Wird Berkeley seinem Anspruch gerecht, unserem Alltagsrealismus in wesentlichen Punkten Rechnung zu tragen? (3) Wodurch zeichnet sich Berkeleys direkter Realismus aus?
Buchbesprechungen Manfred Frank: Selbstgefühl: Eine historisch-systematische Erkundung (Christian Lotz, Lawrence) Reinhard Brandt: Universität zwischen Selbst- und Fremdbestimmung. Kants „Streit der Fakultäten“. Mit einem Anhang zu Heideggers „Rektoratsrede(Paul Ziche, München) Robert Chr. van Ooyen: Der Staat der Moderne. Hans Kelsens Pluralismustheorie (Wolfgang M. Schröder, Tübingen) William A. Galston: Liberal Pluralism. The Implications of Value Pluralism for Political Theory and Practice (Daniel Loewe, Oxford/Tübingen) Michael Quante: Einführung in die Allgemeine Ethik (Héctor Wittwer, Berlin) |