ZeitsprüngeForschungen zur Frühen Neuzeit
Band 9 (2005). In zwei Doppelheften. 606 Seiten.
Zum Inhalt von Heft 3/4: Kirchen, Märkte und Tavernen Trotz aller neuen Medien, trotz Buchdruck, Flugblatt und den immer periodischer erscheinenden Zeitungen blieb die Frühe Neuzeit ganz wesentlich von der direkten Kommunikation ‚von Angesicht zu Angesicht’ bestimmt. Diese Kommunikation entfaltete sich an konkreten Orten, denen deshalb eine herausgehobene Bedeutung zukam. In Städten wie Dörfern können das Wirtshaus und die Taverne, der Marktplatz wie das Gotteshaus als zentrale Räume solcher Kommunikation angesehen werden. Hier begegneten sich Einheimische und Fremde, Angehöriger unterschiedlicher Schichten und Stände, Männer und Frauen. Jeder dieser Räume war obrigkeitlich reglementiert. In keinem dieser Räume ist die Kommunikation aber auf obrigkeitliche Vorgaben begrenzbar gewesen. So waren die Bau- und Bildprogramme der Kirchengebäude zwar konfessionspolitisch durchdrungen; und die Kirchen selbst wurden mehr denn je zu Räumen, die neben religiösen auch politische Erfahrungen vermittelten. Sie blieben aber auch Lebensräume der Gemeindeglieder, die diese Räume ebenfalls zu prägen wussten. Die Begegnungen in Wirtshäuser, Tavernen und Herbergen verliefen ebenso zufällig wie konstant. Darum entwickelte sich hier eine ganz eigene Kommunikationskultur unter den Angehörigen verschiedener sozialer Schichten und beider Geschlechter ebenso wie zwischen Fremden und Einheimischen. Der Marktplatz schließlich war bereits in der Frühen Neuzeit zum einen der Ort weit ausgreifender Wirtschaftsbeziehungen geworden und fungierte aber zum anderen auch als Brennglas politischer und sozialer Interaktion mit lokalen Bezügen. Mit den vorliegenden Beiträgen wird der Versuch unternommen, die unterschiedlichen Handlungs- und Kommunikationsräume im Zusammenhang mit der jeweiligen Raumgestaltung zu analysieren, weil im Anschluss an neuere soziologische Theorien über den Raum davon ausgegangen wird, dass Handlungsraum und Ort der Handlung sich gegenseitig bedingen und beide ein Ergebnis menschlicher Ordnungsleistung darstellen.
Die vorliegenden Beiträge sind im Rahmen zweier – unabhängig voneinander konzipierter – Sektionen zum 45. Deutschen Historikertag in Kiel vom 14. – 17. September 2004 entstanden. Diese Eigenständigkeit der Zugänge zum gemeinsamen Thema frühneuzeitlicher Kommunikationsräume ist an der Gliederung des vorliegenden Bandes in zwei getrennte Teile ablesbar. So entspringen die Beiträge des ersten Teiles der von Gerd Schwerhoff und Susanne Rau organisierten Sektion „Die große Welt im kleinen Raum. Städtische Kommunikationsräume in der Frühen Neuzeit“, während die Beiträge des zweiten Teiles aus der von Renate Dürr und Peter Burschel organisierten Sektion „Kirchenräume in der Frühen Neuzeit“ resultieren.
Gerd Schwerhoff, Die große Welt im kleinen Raum. Zur Ver-Ortung überlokaler Kommunikationsräume in der Frühen Neuzeit Beat Kümin, Wirtshaus, Verkehr und Kommunikationsrevolution im frühneuzeitlichen Alpenraum Susanne Rau, Orte der Gastlichkeit – Orte der Kommunikation. Aspekte der Raumkonstitution von Herbergen in einer frühneuzeitlichen Stadt Jochen Hoock, Markt und Märkte im frühneuzeitlichen Europa Wolfgang Kaiser, Zwischen loggia und Funduq. Interkultureller Handel und Kommunikation zwischen Südeuropa und dem Maghreb in der Frühen Neuzeit Martina Löw, Vor Ort – im Raum. Ein Kommentar Renate Dürr, Kirchenräume. Eine Einleitung Andreas Holzem, Die sieben Hauptkirchen Roms in Schwaben. Bildprogramm und Handlungskonzepte eines konfessionalisierten Kirchenraums Renate Dürr, Zur politischen Kultur im lutherischen Kirchenraum. Dimensionen eines ambivalenten Sakralitätskonzeptes Peter Burschel, Gemalte Kirchenräume in den nördlichen Niederlanden des 17. Jahrhunderts Eva-Maria Seng, Kirchenbau zwischen Säkularisierung und Resakralisierung im 18. und 19. Jahrhundert |