Fischer, Jeannette: Angst – vor ihr müssen wir uns fürchten

2., unveränderte Auflage 2022. 208 Seiten. Kt 24,80 €
ISBN 978-3-465-04593-9
Klostermann/Nexus 105

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Die Angst ist ein Bindemittel menschlicher Beziehung. Sie konstituiert und stabilisiert die bestehenden Machtverhältnisse. Sollen diese nicht gefährdet werden, darf sie an Bedeutung nicht verlieren. Der gängige Diskurs, der Beziehungen definiert und etabliert, ist ein hierarchischer. Die Angst hat in diesem Narrativ eine beachtliche Hebelfunktion. Als Folge der Entmachtung der Aggressionen im Dienste des Ich bleibt sie unentbehrlich für die Regulierung hierarchischer Beziehungen. Die Entbehrung dieser Aggressionen bedeutet Ohn(e)macht – und das ist Angst.

Die gängige Annahme, dass die Angst ein Gefühl ist, ein lebensnotwendiges Gefühl, das uns vor Gefahren schützt, vermag uns Einblick zu geben in ihre Wichtigkeit und Unentbehrlichkeit für die bestehenden Machtverhältnisse. Es ist nicht die Angst, die uns vor Gefahren schützt, es ist die Furcht. In der Furcht haben wir keine Angst: Die Aggressionen im Dienste des Ich bleiben dabei unbeschädigt. Damit kommt der Angst eine ganz andere Bedeutung zu: Sie ist nicht Indikator einer bevorstehenden Gefahr, sondern einer bestehenden Form von Gewalt, mit der Hierarchien geschaffen und Machtverhältnisse eingerichtet werden. Die Angst ist ausschliesslich ein Bindemittel hierarchischer Beziehungen – und kein Schutzfaktor. Es ist die Angst, die gefürchtet werden muss.


Anxiety is a binding agent of human relationships. It constitutes and stabilizes the existing power relations. If these are not to be endangered, it must not lose its significance. The common discourse that defines and establishes relationships is a hierarchical one. Anxiety has a considerable leverage function in this narrative. As a consequence of the disempowerment of aggression in the service of the ego, it remains indispensable for the regulation of hierarchical relationships. The deprivation of these aggressions means powerlessness - and that is anxiety. The common assumption that anxiety is a feeling, a vital feeling that protects us from danger, is able to give us insight into its importance and indispensability for the existing power relations. It is not anxiety that protects us from danger, it is dread. In dread we are not afraid: the aggressions in the service of the ego remain undamaged. Thus anxiety has a completely different meaning: it is not an indicator of an imminent danger, but of an existing form of violence creating hierarchies and establishing power relations. Anxiety is exclusively a bonding agent of hierarchical relationships – and not a protective factor. It is thus anxiety that is to be dreaded.
 

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