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Abstracts Heft 1/2017

Abstracts Heft 1/2017

Redaktionelles Vorwort

Jean-Luc Donnet: Freud und die Ablehnung der Weiblichkeit: zwischen »Fels des Biologischen« und Gegenübertragung

Zusammenfassung
Freud und die Ablehnung der Weiblichkeit: zwischen »biologischem Felsen« und Gegenübertragung. Die endliche und die unendliche Analyse hört auf mit dem Hinweis auf einen manchmal unüberwindbaren Widerstand, der beim Mann von der Kastrationsangst, bei der Frau vom Penisneid herrührt. Freud verweist auf die Korrelation zwischen diesen beiden Themen, um die Behauptung zu bekräftigen, die von Mann und Frau geteilte und gezeigte »Ablehnung der Weiblichkeit« sei biologischen Ursprungs. Der Autor hebt die Dimension der Gegenübertragung in der klinischen Aussage Freuds und seinem plötz-lichen Appell an einen »biologischen Felsen« hervor. Er kommt zu der alternativen Hypothese einer Ablehnung, die aus einer missglückten mütterlichen Feminisierung hervorgehe, und zwar in der Zeit der für das Ich konstitutiven Identifikationen.

Summary
Analysis terminable and interminable ends with the reference to a resistance that is sometimes insurmountable and results from castration anxiety in men and from penis envy in women. Freud indicates the correlation between these two themes to assert that the »rejection of femininity« that they both attest has a biological origin. The author emphasizes the countertransference aspect of Freud’s clinical reference and of this sudden appeal to a »biological bedrock«. He considers the alternative hypothesis of a rejection that results from a failed maternal feminisation, at the time of the constitutive identifications of the ego.

Dieter Bürgin (Basel): Über psychoanalytisches Hören

Zusammenfassung
Die Bewegungen von theoriegeleitetem Wissen, das sich in punktgenaue Deu-tungen umsetzt, hin zu ko-kreierten Rekonstruktionen ist in den vergangenen Jahrzehnten immer bedeutsamer geworden. Nicht nur die vermehrte psychoanalytische Arbeit mit Menschen, die an frühen Störungen leiden, sondern auch die vertiefte Kenntnis, dass präverbale Erlebnisformen in der infantilen Amne-sie durch prozedurale Speicherung einen besonderen Platz erhalten, hat diesen Vorgang noch unterstützt. Solche Tatsachen sind besonders auch bei Menschen deutlich geworden, die entweder durch frühkindliche Traumatisierungen und ihre Umwandlungen in der Nachträglichkeit beeinträchtigt wurden oder sich in einer regressiv-progressiven Bewegung des Sterbens befanden (Fallbeispiel). Die unvermeidlichen Wiederholungen in der Übertragung gelten dann weniger als Zwänge denn als Chancen zur Neuintegration. Einem neu ausgerichteten psychoanalytischen Hören kommt – beim Manifestwerden solcher frühester Erlebniszustände wie auch bei den Transformationen von averbalem Inhalt in Worte – eine besondere Wichtigkeit zu.

Summary
The movements form a theory guided »exact« interpretation to more co-created reconstructions became in the last decades more and more important. Not only the analytic experiences with patients who showed very early disturbances but also the evidence that experiences in the earliest childhood (as part of the infan-tile amnesia) are stored in procedural memory, supported this trend. These facts became on one hand especially meaningful in human beings who suffered from very early traumatisations and its transformations by the mechanism of »Nachträglichkeit« and, on the other, by subjects during their regressive-progressive dynamics of dying. The unavoidable repetitions in the transference manifest themselves in these cases less as compulsions but more as chances for a new integration. The psychoanalytic listening – wanting to catch these earliest kinds of experiences and the difficult transformations averbal contents are undergo-ing on their way to the realm of words – needs an important new orientation.

Heribert Blaß (Düsseldorf): Väterliche Präsenz in der veränderten westlichen Welt

Zusammenfassung
Im Zuge der kulturellen Wandlungen in den westlichen Gesellschaften wäh-rend der letzten Jahrzehnte hat sich ein neues Verständnis von der Familie und ebenso vom Verhältnis zwischen Familie und Arbeit herausgebildet. Diese Veränderungen haben auch zu einem neuen Verständnis von der Bedeutung und Funktion des Vaters im Leben von Kindern und in der mentalen Repräsentanz bei Erwachsenen geführt. In dieser Arbeit wird versucht, unterschiedliche Merkmale väterlicher Präsenz innerhalb der sich wandelnden gesellschaftlichen Strukturen zu beschreiben. Der Schwerpunkt liegt dabei auf der Unter-scheidung verschiedener Formen von väterlichem Schutz, welche in einem Spannungsverhältnis zueinander stehen. Väterliche Präsenz und väterlicher Schutz bewegen sich in einem emotionalen Beziehungsfeld zwischen zärtlichem Fest-Halten und mitunter unvermeidlichem Auf-Halten innerhalb der famili-ären Beziehungsstrukturen. Ausgehend vom entfalteten triadischen Raum im Seelenleben des Kleinkindes wird die Rolle des Vaters beim Aufbau und beim Erhalt triadischer seelischer Strukturen beschrieben. Zu diesem Zweck werden Ergebnisse der aktuellen entwicklungspsychologischen Forschung, Auffassungen der psychoanalytischen Gendertheorie aus den letzten zehn Jahren und eine Neubetrachtung des klassischen Konzepts vom »toten Vater« gegenüberge-stellt. Sowohl die gegenläufig libidinisierenden und begrenzenden Aufgaben des Vaters als auch die Rolle des väterlichen Körpers werden im Begriff der »anti-inzestuösen Position« gefasst und mit einem klinischen Beispiel illustriert.

Summary
In the course of the cultural changes in the Western society during the last dec-ades, a new understanding of the family and of the relationship between family and work has emerged. These changes led also to a new understanding of the meaning and function of the father in the life of children and in the mental representation of adults as well. This paper tries to describe different character-istics of paternal presence within the changing social structures. Its emphasis lies on the distinction of different forms of paternal protection, which are in a tense relation to each other. Paternal presence and paternal protection shift in an emotional relational field and include forms of tender holding and unavoid-able stopping of children in their tracks. Based on the unfolded triadic space in the mental life of the child, the role of the father in creating and keeping triadic mental structures will be described. For this purpose, results of current research in developmental psychology, concepts of psychoanalytical gender theory over the last ten years, and a new view of the classical concept of the »dead father« are contrasted. The libidinizing and as well the contrasting tasks of the father, including the role of the paternal body, are subsumed by the term »anti-incestu-ous position« and this will be illustrated by a clinical example.

Fritz Lackinger (Wien): Die pädosexuelle Phantasie als Ort von Wiederholung und Rache

Zusammenfassung
Ausgehend von der Voraussetzung, dass pädosexuelle Phantasien nur die Oberfläche eines komplexen traumabedingten Triebschicksals bilden, geht der Autor der Frage nach, wie sich die unbewusste Konstellation bei Hands-on-Missbrauchstätern und bei pädosexuellen Pornografiekonsumenten unterschei-det. Unterschiede in der Persönlichkeitsstruktur korrelieren mit der Art, wie sich Realitätswahrnehmung und projektiv-identifikatorische (»holografische«) Überblendung im Zustand der sexuellen Erregung mischen. In der Kindheit zeigen sich unterschiedlich schwere suizidale Krisen, die durch andere phantasmatische Strategien überkleistert wurden. Dem Autor erscheint es als bedeu-tende Aufgabe, in der psychotherapeutischen Arbeit mit Pädosexuellen die strukturellen Entsprechungen herauszuarbeiten, die zwischen den Übertragungs-Gegenübertragungs-Mustern in der analytischen Beziehung, den typischen Beziehungsmustern im Alltag und dem charakteristischen Missbrauchsverhalten bzw. den bewussten pädosexuellen Phantasien der Patienten bestehen.

Summary
Based on the premise that pedosexual fantasies are just the surface of complex trauma-related vicissitudes of the drives, the author pursues the question, how the unconscious constellation in hands-on sexual offenders and in consumers of pedosexual pornography can be discriminated. Differences in personality structure correlate with the way in which perception of reality and projective-identificatory (»holographic«) distortion blend in the condition of sexual arousal. In childhood we find variable severe suicidal crises that are reworked and obscured by different phantasmatic strategies. The author sees an important task of psychotherapeutic work with pedosexuals in elaborating the structural equivalents between the transference-counter-transference patterns in the ana-lytic relationship, the typical relationship-patterns in everyday life and the characteristic behavior of abuse (as well as the pedosexual fantasies) of the patient.