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Abstracts Heft 3_4/2016

Abstracts Heft 3_4/2016

Redaktionelles Vorwort

Friedrich-Wilhelm Eickhoff (Tübingen): »Anmerkungen zur Pathogenese und Metapsychologie einer schizophrenen Psychose«

Zusammenfassung
Die Arbeit ruft anläßlich der 100. Wiederkehr des Geburtstags von Wolfgang Loch eine frühe, in keine Aufsatzsammlung übernommene Arbeit ins Gedächtnis. Sie enthält eine ausführliche Einzelfallstudie und führt den Begriff der Ur-Identifikation ein, der im Spätwerk zugunsten der primären Identifizierung mit den Eltern der persönlichen Vorzeit in den Hintergrund rückt. In der Fallstudie bleibt die Einschätzung der primären Identifizierung mit einem non liquet unentschieden. Sie kann sowohl als einer Deutung der projektiven Identifizierung bedürftige Abwehr als auch als konfliktfreies Refugium gesehen werden. »Wie Färbers Hand«, als Zitat aus Shakespeares Sonett 111, verweist als suggestive Metapher auf den Werkstattcharakter der psychoanalytischen Arbeit, die Verwicklung des Autors mit seinem Werk.

Summary
The paper recalls on the occasion of the 100. anniversary of Wolfgang Loch’s birthday an early work to mind. It is not contained in any collection of essays, comprises a detailed case-study and introduces the concept of Ur-Identifikation which retires into the background in favour of primary identification with the parents of personal prehistory in his later work. In the case-study the question is left unanswered whether primary identification signifies a defense requiring an interpretation of projective identification or a refuge free of conflict. »Like dyer’s hand«, a quotation from Shakespeare’s sonnet 111, proves to be a suggestive metaphor for the intricacy of author and work.


Paul-Claude Racamier (Besançon): Ein Raum für den Wahn (»das Wahnen«) (Un espace pour délirer)

Zusammenfassung
Aus seiner profunden Kenntnis psychotischer Menschen entwickelt der Autor das Konzept des spezifischen Raumes, in dem der Wahn entsteht. Er grenzt ihn ab vom Innenraum, dem Raum der äußeren Realität, aber auch vom Übergangsraum. Die Eigenheiten der Widersprüchlichkeit, der Ambiguität, Ursprungslosigkeit, fehlender Grenzen, Zeitlosigkeit, Unzerstörbarkeit, Durchdringbarkeit charakterisieren diesen vom Autor so genannten »Vierten Raum« (l’espace pour délirer). Zur Verdeutlichung seiner Gedanken bezieht sich Racamier auf bildende Künstler wie Matta, Picabia u. a. Zum Schluß verweist er auf die therapeutische Bedeutung seines Konzeptes, das einen allzu naiven Umgang mit der Realität des Wahnes verhindern soll.

Summary
From his profound knowledge of psychotic people, the author develops the concept of the specific space in which the delusion arises. He delimits it from the interior space, the space of external reality, but also from the transitional space. The characteristics of inconsistency, ambiguity, lack of origin, lack of boundaries, timelessness, indestructibility, and penetrability characterize this so-called »fourth space« (l’espace pour délirer). To illustrate his ideas, Racamier refers to visual artists such as Matta, Picabia, and others. Finally, he points to the therapeutic importance of his concept, which is supposed to prevent an all-too-naive approach to the reality of the madness.

 

Elisabeth Aebi Schneider (Bern): Freud und die Psychose, nach-gedacht. Überlegungen zur Theoriebildung

Zusammenfassung
Freud hat sein ganzes Leben lang nicht darauf verzichtet, Psychotiker selbst zu behandeln, sich über die Genese und den Mechanismus der Erkrankung Gedanken zu machen und ist darüber immer wieder in einem intensiven Austausch mit Kollegen gestanden. Seine theoretischen Schriften und Briefwechsel sind Zeugnis davon. Eine persönliche Lesereise soll einen Einblick in Freuds Beschäftigung mit der Psychose geben.

Summary
Freud did not renounce, during his whole lifetime, to treat psychotics and to think about the development and the mechanism of the illness. He cultivated an intense exchange about the topic with his colleagues. His theoretical writings and correspondence are testimony to this. A personal readership is to give an insight into Freud’s work with psychosis. 

 

Jed Sekoff (Albany, CA): »Muchness«: Psychische Texturen und Transformationen im analytischen Feld

Zusammenfassung
Der Autor erläutert das von ihm geschaffene Konzept der Muchness, das sowohl Referenz der Fülle, des Überflusses und des Exzesses von Erfahrung als auch Erinnerung an die sinnlichen Texturen psychischen Lebens sowie Hinweis auf die Dynamik psychischen Lebens ist. Muchness steht in engem Zusammenhang mit dem Bereich psychischer Texturen: Sie bezeichnet den emotionalen Charakter, der im Großteil der Denkarbeit enthalten ist, und verleiht der Beschaffenheit der Textur, die unserer Erfahrung Substanz gibt, Ausdruck. Infolge der Notwendigkeit, die Muchness der menschlichen Erfahrung zu ordnen und auch die Angst vor ihr zu bannen, suchen die psychoanalytischen Theorien (zwangsläufig), der Vielfalt der Realität auch durch Begrenzung und Ausschließung gerecht zu werden. Das Einbeziehen von Muchness hat jedoch klinische Auswirkungen und verschiebt das Verständnis von psychoanalytischen Prozessen und von therapeutischem Handeln insofern, als Texturen zu Lenkern analytischer Erkenntnis werden. Nach der Erörterung theoretischer Vorläufer dieses Konzepts (vor allem André Green, Matte-Blanco, Ruth Stein und Marion Milner) widmet der Autor sich der Darstellung der positiven und negativen Wertigkeit von Muchness, um sich dann den Auswirkungen auf Klinik und Technik zuzuwenden. Insbesondere in Phasen des Stillstands, an den Grenzen der psychoanalytischen Repräsentanz und angesichts von Konstellationen, die jenen der »toten Mutter« ähneln, muß der Analytiker seine eigenen generativen Fähigkeiten einbeziehen und soll sich nicht scheuen, eigene Vorstellungen, Bilder und Gedankenstücke anzubieten, die über psychische Löcher hinweg Brücken schlagen können, und eigene Affekte sowie analytisches Begehren einfließen zu lassen, um eine mit Begehren erfüllte Symbolisierung wieder in Gang zu bringen und um sichtbare Wendungen des Behandlungsverlaufs einzuleiten.

Summary
The author explains his concept of muchness, which fulfills his duty as a signifier for the fullness, overflow and excess of experience, as a reminder of the sensuous textures of psychical life, a textual depiction of the textural, and as an evocation of the dynamism of psychical life. Muchness is intimately related to a dimension that will be designated as the realm of psychical textures. It designates the »felt thought«, the emotional grit and substance embedded in most mentation and expresses the textural states that give substance to our experience. To impose order and meaning on the muchness of the human experience and to banish fear, psychoanalytic theories try to cope with the plenitude of reality not simply by naming and discovering, but by limiting and excluding. The notion of muchness, however, has clinical implications and shifts our understanding of psychoanalytic process and therapeutic action, in that textures, as well as texts, come to guide analytic awareness. After discussing the theoretical antecedents of this concept (especially André Green, Matte-Blanco, Ruth Stein, and Marion Milner), the author devotes himself to the presentation of the positive and negative valences of muchness, then to the impact on clinics and technique. Especially in times of standstill, at the boundary of representation and in the face of constellations similar to the essentially neurotic constellation of the dead mother the analyst must embrace his own generative capacities and must not shy away from offering his own representations and images, patches, and patterns that Jed Sekoff »Muchness«: Psychische Texturen und Transformationen im analytischen Feld may form bridges across psychical holes while at the same time infusing the analytic encounter with the analyst’s own affect and desire to set in motion an imaginative creation that intervenes in a field where symbolization has faltered so that a visible turn against certain negative currents can take place.

 

Florence Guignard: Das Infantile des Psychoanalytikers: »Blinde Flecken« und »Korken-Deutungen« (»interprétations-bouchons«)

Zusammenfassung
Die Autorin untersucht die Funktion des Infantilen im analytischen Prozeß, sie geht dabei über Freud hinaus, der das Infantile als Effekt der infantilen Sexualität sieht, die ihren Niederschlag im verdrängten Unbewußten findet – beim Erwachsenen wie beim Kind – und Anlaß gibt für die infantilen Sexualtheorien, woraus dann die infantile Neurose hervorgeht. Die Autorin erweitert den Begriff um all die sensorischen und mnestischen Spuren, die Erregung und Objekt im Grenzbereich von Körper und Seele hinterlassen haben und die den Boden der Identität bilden. Im analytischen Prozeß rührt das Infantile des Patienten, sobald es aktualisiert wird, an das Infantile des Analytikers. Spur dieser Begegnung ist der »blinde Fleck«, ein Ausbleiben der Einfälle beim Analysanden (beim kindlichen Patienten eine bedeutungsleere Reihung von Spielen) und ein Florence Guignard Das Infantile des Psychoanalytikers Fehlen von Deutungsoptionen auf der Seite des Analytikers. Eine bedrohliche Blockade droht. Dann geht es darum, die Leerstelle nicht mit Korken-Deutungen zu verschließen, sondern diese offenzuhalten für Unbekanntes, Vorbedingung der Transformation.

Summary
The author examines the role of the infantile within the analytic process. She goes beyond Freud, who sees this as an effect of infantile sexuality found precipitated in the repressed unconscious – in the adult and in the child – thus inducing the infantile sexual theories, from which infantile neurosis emanates. The author expands the term to include all the sensory/mnemonic tracks, which arousal and the object have left on the threshold between body and soul and thus forming the basis of identity. In the analytic process, the patient’s infantile, as soon as it has been refreshed, stirs the infantile in the analyst. A trace of this encounter is the »blind spot«, an absence of ideas in the patient (a sequence of games without meaning in child patients) and a lack of possible interpretations on the side of the analyst. An ominous blockade threatens. This is why it is then imperative not to close these gaps with cork-interpretations, but to leave them open for the unknown, a prerequisite for transformation.

 

Jan Abram (London): Das väterliche Integrat und sein Stellenwert in der Analyse

Zusammenfassung
Ausgehend von der Frage, wie einem Kind der Schritt von der Objektbeziehung zur Objektverwendung gelingt, greift die Autorin Winnicotts Konzept des »Überlebens des Objektes« auf, das eine Weiterentwicklung seiner Theorie einer »primären Mütterlichkeit« darstellt. Die Fähigkeit der Mutter, eine Ich-Stützung bereitzustellen, verdankt sich ihrer väterlichen Imago, die sie der im Entstehen begriffenen Psyche des Kindes vermittelt. Die Autorin schlägt vor, diesen Prozeß so aufzufassen, daß sich die von der Mutter vermittelte Vaterimago als »väterliches Integrat« (Winnicott) in die Psyche des Kindes einschreibt. Sie verweist u. a. auf André Green, der mit seinem Begriff des »Anderen im Objekt« ähnlich argumentierte. Der nächste Entwicklungsschritt besteht nach Green darin, einen Übergang vom Stadium der potentiellen Drittheit (wobei der Vater nur in der Vorstellung der Mutter existiert) zum Stadium der wirklichen Drittheit (wobei der Vater vom Kind als eigenständiges Objekt wahrgenommen wird) zu schaffen. Dieses Konzept des väterlichen Integrats verknüpft die Autorin nun mit dem Konzept des überlebenden inneren Objekts, weil es ohne das väterliche Integrat kein psychisches Überleben (des Objektes) zu geben scheint. Anhand einer Fallgeschichte versucht sie zu zeigen, auf welche Weise die väterliche Funktion, die Drittheit, im Analytiker aktiviert wird, so daß er eine Veränderung beim Patienten bewirken kann. Abschließend erörtert sie den Gedanken, daß das Dritte in der Psyche des Analytikers sich durch die eigene Analyse und mit Hilfe der Ausbildungsstrukturen (nach Eitingon) herausbildet.

Summary
Starting from the question, how the human infant moves from object relating to object usage, the author uses Winnicott’s concept of the »survival of the object«, which is an advancement of his theory of »primary maternal preoccupation«. The mother’s capacity to provide ego-coverage is due to her paternal imago, which she transmits to the infant’s nascent psyche. The author suggests to regard this process as a psychic transmission of the mother’s father imago who will be inscribed as a »paternal integrate« (Winnicott) into the newborn’s psyche. According to Green the  next developmental problem is the transition from potential thirdness (when the father exists only in the mother’s mind) to effective thirdness (when the child considers him to be a distinct object). The author’s concept adds the paternal integrate to the notion of an intrapsychic surviving  object, because without the paternal integrate there can be no psychic survival (of the object). Based on her clinical work she will show how the paternal function, the thirdness, is activated in the analyst so that she can induce a change. Finally she discusses that the third in the analyst’s mind develops through personal analysis and the structures of psychoanalytic training (according to Eitingon).

 

Jean-Luc Donnet (Paris): Der interanalytische Austausch: Die Erzählung und das Zuhören

Zusammenfassung
Die Situation der »Ecoute en second« bildet einen Nebenschauplatz der analytischen Situation, wo die Gegenübertragung an Stelle der Übertragung tritt. Der Autor versucht, die »Spielregeln« dieser Methode zu definieren. Sie darf aber nur als das bevorzugte Modell des interanalytischen Austausches betrachtet werden. Angesichts der Bandbreite dieser Austauschmöglichkeiten stellt sich die Frage nach der Verbindung zwischen deren »Rahmen« und deren Verarbeitungs- und Ausbildungspotential. Der Autor beschreibt eine interanalytische Situation, die er mit derjenigen der Supervision vergleicht.

Summary
Secondary listening situations function as an annex to the analytical situation and in them countertransference replaces transference. In this article, the author’s aim is to define the »rules of the game« underpinning this method. Such a method is not however the privileged model of interanalytical exchange. Within the whole gamut of this, the question of the link between »framework« and elaborative and formative potential is raised. The author describes an interanalytical situation comparable to that of supervision.