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Welchen Sinn hat akademische Philosophie heute?

Der Physiker Stephen Hawking hat auf einer Konferenz im vergangenen Jahr, die weithin wahrgenommen wurde, den Tod der Philosophie ausgerufen. Sie schaffe es nicht mehr, mit den Entwicklungen der Naturwissenschaften Schritt zu halten. Obwohl solche Abgesänge die Philosophie schon seit Jahrzehnten begleiten, lässt sich nicht von der Hand weisen, dass die Frage nach dem Sinn der akademischen Philosophie heute drängender als je zuvor erscheint. Nicht nur, dass ihr von wissenschaftlicher Seite her ein Zurückbleiben hinter den wichtigen Erkenntnissen unserer Zeit attestiert wird. Auch eine immer erfolgreichere Populär-Philosophie wirft ihr alternierend vor, entweder Glasperlenspiele im Elfenbeinturm oder konformierendes Drittmittel-Business zu betreiben. In der Tat trifft diese Kritik die Philosophie in ihrem Selbstverständnis; war sie nicht angetreten, die ersten und letzten Fragen des menschlichen Lebens zu stellen und – falls möglich – zu beantworten? Ist es richtig, dass sie diese Aufgabe nicht mehr erfüllen will oder kann?

Wir haben diese Fragen einer Reihe von Philosophinnen und Philosophen aus Akademie und Öffentlichkeit vorgelegt. Ihre Antworten werden hier wiedergegeben. Nach einem einfachen Registriervorgang haben Leserinnen und Leser des Blogs die Gelegenheit, die Antworten zu kommentieren.


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Bernhard Waldenfels: Statt einer Apologie

Die Philosophie ist ein Konglomerat aus verschiedenen intellektuellen Tätigkeiten. Es gibt einen methodischen Anteil, der ähnlich in den Wissenschaften auftritt und der heutzutage in der analytischen Philosophie eine große Rolle spielt. Es gibt auch die historische Gelehrsamkeit. Wenn wir die griechische Philosophie völlig vergessen, dann wird aus unserer Philosophie etwas anderes. Bis in die Sprache hinein ist unser Denken geprägt durch klassische Autoren, und es gehört zur Eigenart der Philosophie, daß man, anders als in den normalen Wissenschaften, alte Texte immer wieder neu liest. Gegen den Empirismus von Hume hat es viele Gegenargumente gegeben, man liest ihn trotzdem immer wieder anders. Klassische Autoren wie Kant, Hegel oder Husserl prägen eine Sprache, eine Denkweise, sie setzen historische Standards.

Und dann gibt es das, was die Philosophie eigentlich ausmacht: das lebendige Fragen. Dieses bedeutet mehr als historische Gelehrsamkeit, mehr auch als methodischen Scharfsinn. Ich kann sehr scharfsinnig sein, aber dabei sehr unphilosophisch. Man kann sehr gut argumentieren, aber Philosophie heißt, daß man Fragen aufwirft, zum Beispiel die Frage, was denn Gerechtigkeit sei. Damit bin ich nahe bei Platon. Für ihn beginnt die Philosophie mit dem Staunen. Dieses vollzieht sich nicht methodisch, es ist auch nicht bloß historisch, es geschieht immer wieder neu. Kinder fangen immer wieder an zu staunen, wenn die Erwachsenen es ihnen nicht zeitig abgewöhnen.

Es kommt ein viertes hinzu: die indirekte Öffentlichkeitswirkung, die von der Behandlung grundlegender Fragen ausgeht. Nehmen wir das Beispiel von Kant. Seine Schrift Was ist Aufklärung? war nicht bloß für philosophische Fachkollegen bestimmt, sondern darin lasen auch Literaten und Politiker in Berlin oder in Königsberg. Schon Platon hat bekanntlich zwei Staatsschriften verfaßt.

Die Philosophie kann ihre Schwerpunkte mehr im methodischen oder mehr im historischen Bereich finden, sie kann verstärkt den Kontakt zur politischen Sphäre suchen, aber der eigene Kern sollte darin liegen, Fragen aufzuwerfen. Warum ist Seiendes und nicht viel mehr Nichts? Diese Leibnizsche Frage ist keine pragmatische Frage, der man mit Experimenten zu Leibe rücken kann. Für Liebe und Tod, zum Beispiel, wurde nie eine Lösung gefunden. Philosophische Fragen sind keine Probleme, die man löst, sondern sie machen versteckte Voraussetzungen sichtbar, und das geht nie endgültig.

Bernhard Waldenfels war bis zu seiner Emeritierung 1999 Professor für Philosophie an der Ruhr-Universität Bochum.

Aus einem Interview, das Bernhard Waldenfels Irina Rotaru gegeben hat. Erschienen in Bukarest in den Studia Phaenomenologica X (2010), S. 253–269 und auf englisch im Graduate Faculty Philosophy Journal (New York), 17/1 (2016), S. 151–170.

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Peter Trawny: Der Selbstmord der Philosophie

Hawkings Äußerung wäre nur dann zutreffend, wenn Philosophie eine Wissenschaft in seinem Sinne wäre, wenn sie sich genau wie die Naturwissenschaften an den natürlichen Rätseln des Universums abarbeiten würde. Ob die Philosophie so, wie sie bei Platon und Aristoteles entsteht, diese Bedingung erfüllt, ist fraglich. „Tot“ im Sinne Hawkings war die Philosophie wahrscheinlich die meiste Zeit.

Freilich behauptet eine nicht geringe Anzahl von Philosophen und Philosophinnen, dass die Philosophie eine „Wissenschaft“ sei. Sie muss das schon deshalb tun, weil sie sich an einer Institution der Wissenschaft lokalisiert. Dann aber gerät sie notwendig in eine Konkurrenz zur Naturwissenschaft. Diese kann sie – wie z.B. bei Husserl zu sehen ist – nicht bestehen. Die Naturalisierung der idealistischen Denkentwürfe einerseits durch die Philosophy of Mind, andererseits durch die bloße Neurologie ist aufschlussreich.

Klüger scheint mir, auf das stets problematische Verhältnis der Philosophie zur Wissenschaft hinzuweisen. Während die Wissenschaften in ihren Auffächerungen an den Universitäten jeweils über klare Gegenstände verfügen müssen, hält sich die Philosophie für die Frage offen, welchen Gegenstand sie hat, ja ob sie überhaupt einen hat.

Das wirft ein Licht auf die Frage nach dem Ort der Philosophie. Gewiss geben die Akademie und die Universität die Möglichkeit, sich mit dem Erbe der Philosophie zu beschäftigen. Hier könnten sich die Philosophinnen und Philosophen also ausbilden. Nichts aber ist auch prekärer als diese Möglichkeit. Der heutige Zustand der deutschen Universitäten gleicht dem einer ökonomisch-technokratischen Disziplinierungsanstalt. Man fragt sich, ob sie das Ziel hat, kreative und originelle Denkansätze zu verhindern. Es herrscht ein ökonomischer Wettbewerb, in dem ein stabiles Mittelmaß die fragile Ausnahme dominiert. Der singuläre, häufig als „umstritten“ marginalisierte Entwurf wird den Kompetenzen der Teamfähigkeit und des Organisationstalents geopfert. Dabei ist die Philosophie nur dort produktiv, wo es ihr erlaubt ist, an ihrem eigenen Ast zu sägen, d.h. wo sie es vermag, ihren Ort im Betrieb kritisch zu reflektieren, indem sie ihn, den Betrieb, selbst kritisiert. Nur so wäre die Lebendigkeit der Universitäts-Philosophie zu gewährleisten.

Die Universität braucht nicht notwendig eine unphilosophische Institution zu sein. Sie ist es aber heute. Wer von den aktuellen deutschen Universitäts-Philosophinnen und -Philosophen lässt uns noch staunen?  

 

Peter Trawny ist außerplanmäßiger Professor an der Bergischen Universität Wuppertal und Leiter des Martin-Heidegger-Instituts.

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Thomas Buchheim: „Philosophy is dead“ (Stephen Hawking)

Wer weiß, dass er nicht tot ist, wenn er lautstark für tot erklärt wird, sollte ein Lebenszeichen geben, damit er nicht auch noch begraben wird und so am Ende elendiglich ersticken muss. In diesem Sinn möchte auch ich ein solches Zeichen geben, obwohl ich sicherlich nicht denjenigen Lebensraum mit bevölkere, in dem Stephen Hawking sich so gut auskennt, dass er zur amtlichen Ausstellung solcher Totenscheine gerufen wird.

Die Philosophie hat nie beansprucht, der naturwissenschaftlichen oder speziell physikalischen Theoriebildung mächtig zu sein. Es ist daher kein Wunder, dass sie nicht inkompetent dort mitzusprechen versucht, wo solche Theorien gebildet werden. Umgekehrt hat eine lebendige Philosophie es noch nie nötig gehabt, denen Vorhaltungen zu machen, die sich inkompetent zum Stand der Philosophie äußern, weil es das Wesen des philosophischen Nachdenkens ist, alle etablierte wissenschaftliche Kompetenz und Expertise immer von neuem durch zunächst inkompetent wirkende Querschläger zu erschüttern und so neue und frische Anstrengungen der Philosophie zu erzeugen.

Insofern wäre zu wünschen, dass auch Stephen Hawkings philosophisch inkompetente Äußerung die Philosophie zu neuen Anstrengungen aufstachelt, nicht nur eine „M theory“ des ganzen Universums aufzustellen, sondern vielmehr besser zu begreifen, wie überhaupt eine Theorie des Universums im ganzen Universum  auf- und vorkommen kann, worüber mir die M-theory und alles, was Stephen Hawking dazu bisher gesagt und beigetragen hat, nicht die mindeste Auskunft zu geben scheint.

Die Philosophie ist methodisch diszipliniertes Denken, das erst wirklich aufs Ganze geht, insofern es seinen eigenen Status und sein eigenes Vorkommen in dem betreffenden Ganzen immer mit bedenkt und im Auge behält. Ein Objekt wissenschaftlicher Theorien kann deshalb nie ein Ganzes in diesem philosophischen Sinne sein, sondern speist sich zumindest zum Teil aus dem Objekt nicht zugehörigen Ressourcen und Prämissen der Theoriebildung. Das tut die philosophische Art, das Tatsächliche und Mögliche zu thematisieren, nicht. Zu jedem ihrer Themen gehört die Selbstthematisierung der philosophischen Zuwendung zu ihm.

Mir scheint nun das Leben in all seinen Varianten und Schattierungen dies Besondere zu haben, dass es sein eigenes objektives Vorkommen in sich selbst auf irgendeine Weise auch thematisiert – zumindest zu einem geringen Teil oder unter gewissem Aspekt tut dies jedes Lebendige, erst recht alles, was Wahrnehmungen hat. In seiner Gänze dagegen oder in vollständiger Selbstumfassung täte es dies, wenn überhaupt je, dann da, wo es durch eine dieser Angelegenheit wirklich gewachsene Philosophie thematisiert würde.

Daran arbeiten wir Philosophen und Philosophinnen schon lange mit wechselndem Erfolg und mehr oder weniger ausstrahlender Überzeugungskraft. In diesem Bemühen kommen wir der Realität des Lebens jedenfalls näher als jede M theory, so kompakt sie das Universum auch verpacken wollte durch eine einheitliche Theorie all seiner zehn, elf oder auch noch mehr Dimensionen – um mit einer physikalisch völlig inkompetenten Bemerkung dieses kleine Lebenszeichen der Philosophie abzuschließen.


Thomas Buchheim ist Professor für Philosophie an der Universität München.

 

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Günter Figal: Akademische Philosophie

Man sagt, dass Totgesagte länger leben. So ist es der Kunst ergangen, deren Ende Hegel zu einer Zeit voraussah, als sie besonders interessante Zeiten vor sich hatte, und wahrscheinlich geht es auch der Philosophie so, deren Ende nicht erst von Wissenschaftlern wie Stephen Hawking beschworen wird. Hawking hat einen Verbündeten in Martin Heidegger, der schon in einem Vortragstext aus dem Jahr 1964 vom „Ende der Philosophie“ sprach und das mit einem ähnlichen Argument wie Hawking begründete. Die ehemals zur Philosophie gehörenden Wissenschaften, meinte Heidegger, hätten sich dieser gegenüber verselbständigt, und in dieser Verselbständigung löse sich die Philosophie auf.

Heideggers Argument ist nicht durch die Versicherung zu entkräften, Philosophie werde doch weiterhin getrieben; das würde Heidegger sofort zugestehen, aber hinzufügen, was dabei ‚Philosophie’ genannt werde, sei kraftloses, epigonales Stückwerk. Überzeugender sollte der Hinweis darauf sein, dass die Philosophie seit Platon, also von Anfang an, nicht als Universal- oder Überwissenschaft verstanden wurde, sondern als Möglichkeit einer Klärung dessen, was in den Wissenschaften nicht geklärt werden kann, weil es die Voraussetzung der Wissenschaft bildet. Diesem Programm sind die Philosophen nie ganz untreu geworden. So fragt Wittgenstein nach der Bedeutung sprachlicher Ausdrücke und zeigt, dass diese in der Beschreibung von Praktiken zu suchen ist, die allem wissenschaftlichen Denken vorausliegen. So fragt Husserl nach der ‚Lebenswelt’ als der vorwissenschaftlichen Sinnsphäre, ohne die Wissenschaft nicht möglich ist, und bevor Heidegger glaubte, nach dem Ende der Philosophie könne es nur noch eine – nämlich seine – „Aufgabe des Denkens“ geben, fragte er nach der alle Wissenschaft ermöglichenden Welterschlossenheit im „Dasein“. Solche Fragen lassen sich möglicherweise leichter und klarer stellen, wenn die Philosophie sich nicht mehr mit universalwissenschaftlichen Ansprüchen belastet. Nach der Verselbständigung der ehemals zur Philosophie gehörenden Wissenschaften ist die Philosophie schlanker geworden, aber damit vielleicht auch leistungsfähiger – besser imstande, sich auf ihre originären Aufgaben zu besinnen.

Das muss man, wenn man philosophieren möchte, freilich auch wollen, und ernsthaft wollen kann man es wohl nur, wenn man bereit ist, sich auf die Philosophie so, wie sie ist und geworden ist, einzulassen, das heißt: auf eine in gut zweieinhalbtausend Jahren erworbene Frage- und Antwortkompetenz, auf einen Schatz konzeptueller Erfahrungs- und Artikulationsmöglichkeiten. Es wäre unklug, diese Möglichkeiten zu ignorieren und hinter dem, was möglich ist, zurückzubleiben. Entsprechend kann man philosophisch nur klug sein, indem man diese Möglichkeiten möglichst gründlich studiert. Das geht auf seriöse Weise nur unter professioneller Anleitung, also im Zusammenhang der so genannten akademischen Philosophie. Normalerweise ist die Philosophie akademisch, und als akademische Philosophie hat sie sich auch im Großen und Ganzen bewährt. Gewiss, Wittgenstein und  Nietzsche waren keine studierten Philosophen. Tadao Ando, einer der bedeutendsten Architekten der Gegenwart, hat nie Architektur studiert. Aber ist das ein Argument dafür, die Architektur als akademisches Fach abzuschaffen? Dass man durch ein Architekturstudium jemand wie Ando wird, ist allerdings auch nicht garantiert.

Die so genannte ‚Geschichte der Philosophie’ ist also keine neben der eigentlichen Philosophie eingerichtete, mehr oder weniger angestaubte Nebenabteilung, sondern die Ressource des Philosophierens. Als diese Ressource wird sie freilich nur erkennbar, wenn man sie nutzt. Dazu wiederum reicht diese Kompetenz alleine nicht hin. Zum Philosophieren gehören Sachorientierung und Sachlichkeit; man muss an etwas interessiert sein, das man unvoreingenommen anschaut, so dass man ihm das Nachdenken unterstellen kann. Um die Sache des jeweiligen Philosophierens zu klären, müssen die Möglichkeiten des Begreifens, die man ins Spiel bringt, sich an einer Sache bewähren. Sie dürfen nicht zu Voraussetzungen werden, die man für selbstverständlich hält, sondern immer wieder muss sich zeigen, dass sie wirklich Möglichkeiten des Begreifens sind. In der sachorientierten Erkundung und Erprobung dieser Möglichkeiten philosophiert man. So sollte man philosophieren, wenn man dem Anspruch, dem das Philosophieren von Anfang an, also seit Platon, untersteht, auch nur einigermaßen gerecht werden will.

 

Günter Figal ist Professor für Philosophie an der Universität Freiburg i.Br.

 

 

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Wolfram Hogrebe: Tod der Philosophie

Stephen Hawking mag die Philosophie nicht, obwohl er eher als Philosoph denn als Physiker über die Naturwissenschaft redet. Insofern ist seine Todesanzeige der Philosophie genau genommen eine Lebensanzeige. Aber gestehen wir ihm das zu. Was sagt er? Die Philosophie schaffe es heute nicht mehr, mit der Entwicklung der Naturwissenschaft Schritt zu halten. Deshalb sei sie am Ende. Meint er damit die akademische Disziplin, meint er damit die populären Versionen der Philosophie, meint er damit das Projekt der Philosophie überhaupt?

Wir leben und orientieren uns in einem unüberschaubaren Garten sich verzweigender Wissenspfade, die ihre eigene Dynamik haben. Bei manchen Wissenschaften geht es stürmisch voran, bei anderen eher gemächlich, manche verschwinden von der Landkarte. Aber kein Blick auf diese Landkarte ist identisch mit einem Pfad, den sie ausweist. Selbst wenn solche Blicke kein umfassendes und abgeschlossenes Bild liefern können, wir brauchen sie doch, um uns im Raum des Wissens wenigstens im Nahbereich orientieren zu können.

In elementarer Hinsicht ist kein positives Wissen für diese und andere Orientierungsbemühungen privilegiert. Selbst wenn wir unser bestes positives Wissen ‚herunterdimmen‘, bleibt immer noch die Gewißheit, hier vor Ort in einem uninterpretierten Ganzen zu existieren. Und diese Gewißheit ist kein Teil eines Wissens der sich verzweigenden Wissenspfade, sondern ihre Voraussetzung. Mit diesem Hinweis ist die Philosophie aus der Konkurrenz zu den Wissenschaften sofort herausgenommen. Sie ist etwas ganz anderes. Nennen wir sie das formelle Gewissen der Menschheit. Sie bewirtschaftet unsere reflexive Verfassung in den vielfältigen epistemischen Bewährungsarenen, unseres Alltags ebenso wie der Wissenschaften. In diesen Arenen brechen aber Fragen auf, die den Naturwissenschaften grundsätzlich verschlossen sind: normative Fragen nach den commitments, nach unseren Verantwortlichkeiten gegenüber unseresgleichen und der Welt.

Auch die Metapher vom Schritthaltenkönnen ist manchmal irreführend. Natürlich kann auch ein Physiker heute mit den Fortschritten der verschiedenen Sparten geisteswissenschaftlicher Forschung nicht Schritt halten. Was weiß Hawking über die Sabäische Kultur? Ist die Physik deshalb tot? Sicher nicht.

Angenommen, irgendeine Version der Stringtheorie erwiese sich, wie Hawking glaubt, aber nicht weiß, als geeigneter mathematischer Formalismus für eine umfassende physikalische Theorie des Universums. Sei diese mithin eine theory of everything (toe). Ist der theory maker, also der Wissenschaftler folglich auch Teil dieser Universaltheorie? Wohl kaum. Er bleibt ultimativ außerhalb. Daß das in einem objektivierenden Paradigma so sein muß, das ist ein Thema der Philosophie. Ein wieder anderes ist die Frage nach unserer Stellung gegenüber dem, was wir können. Heidegger hat hier die These entwickelt, daß wir gegenüber dem, was wir können, nicht mehr frei sind. Was besagt das? Darüber verrät uns Hawking nichts.

Wieder etwas anderes ist ein Blick auf die gegenwärtige akademische Philosophie. Sie spezialisiert sich in der Tat in verschiedene Diskurse, sie wird in scharfsinniger Weise immer komplexer, aber zugleich ärmer an Gehalt. Und man wird gewiß eine Tendenz schwerlich bestreiten können. Diese besteht darin, daß sich die akademische Philosophie zunehmend anschickt, nur noch Studienräte zur Bewirtschaftung von Argumenten zu erzeugen und zu berufen.

Was ist ein Argument?: Die schlüssige Endform eines Gedankenprozesses. Diese Endformen kann man aufzählen und man ist stolz darauf wie ehedem die Meister der Scholastik, die dennoch besser waren als ihr Ruf. Aber eine betonierte Zentrierung auf Argumente suspendiert das vorargumentative Denken, der kreativen Brennkammer der Philosophie: Wer nichts mehr sieht, wem nichts einfällt, argumentiert nur noch. Das wußte schon Blaise Pascal.        

 

Wolfram Hogrebe war bis zu seiner Emeritierung Professor für Philosophie an der Universität Bonn.

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Walter Schweidler

– Die Kommunikationslücke zwischen Philosophie und Naturwissenschaften ist in der Tat ein großes Handicap für die Weiterentwicklung des philosophischen Denkens. Aber sie fällt beiden Seiten zur Last. Lee Smolin hat in seinen Büchern immer wieder betont, wie nachteilig es für die Physik ist, dass ihre heutigen Hauptvertreter nicht mehr philosophisch interessiert und orientiert sind wie es einst Heisenberg, Bohr und Einstein waren. Wir haben heute einen Zustand von weitgehender philosophischer Borniertheit auf Seiten einer kritischen Masse physikalischer und biologischer Forscher. Hier zeigt sich aber nicht zuletzt eine Sackgasse, in welche die Philosophie durch eine einseitige und unreflektierte Orientierung an der naturwissenschaftlichen Methode geraten ist, von der Wittgenstein sagte, dass sie die Hauptquelle der philosophischen Verwirrungen sei und den Philosophierenden „in völliges Dunkel“ führe. Wo die Naturwissenschaft philosophisch wird, kann sie nicht nach dem Schema kausaler Erklärung von Wirkungen durch Ursachen denken. Was hilft? Von philosophischer Seite ein erneuertes, aus den „analytischen“ Engführungen befreites Studium von Wittgenstein und der strukturalistischen Methode in den Sozialwissenschaften, die das Paradigma nichtkausaler Erklärungskraft bietet; und viel Thomas S. Kuhn!

– Zur Selbstverortung der akademischen Philosophie in dem von Ihnen skizzierten Fadenkreuz kann man nur sagen, dass alle irgendwie bedeutenden Philosophen zumindest in der westlichen Kultur im Lauf der letzten Jahrhunderte Professoren waren. Selbst die eigenwilligsten und innovativsten Denker wie Wittgenstein, Lévi-Strauss oder Foucault sind eifrige Lehrer mit lebenslang engagiertem Schülerkreis gewesen. Mein Lehrer Robert Spaemann ist für mich das unrelativierbare Beispiel dafür, dass man einen wahren Philosophen an der Universität finden kann und muß.

– Eine der innovativsten und zukunftsträchtigsten Entwicklungen der gegenwärtigen Philosophie ist die Erschließung der buddhistischen, hinduistischen, daoistischen und islamischen Quellen echten Philosophierens als nicht geistesgeschichtlich erstickte Vergleichsobjekte „unseres“ Denkens, sondern als konkurrierende Wahrheitsquellen jeglichen universal legitimierbaren rationalen Argumentierens. Seit einem Vierteljahrhundert hat sich eine Gemeinschaft innovativer, auf philologischer und philosophischer Kompetenz basierender interkultureller Philosophen gebildet (ich nenne als Nichtexperte nur die zufällig mir bekannten Namen Rolf Elberfeld, Raji Steineck, Mathias Obert, Jens Schlieter, Heiner Roetz, Hans-Georg Möller), die sich gegen viele beidseitige Vorurteile an den Platz vorangekämpft haben, der letztlich die einzige objektive Indikation für Qualität bietet: den des akademischen Lehrers und Forschers.

 

Walter Schweidler ist Professor für Philosophie an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

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